Wie geht die Handelskammer eigentlich mit dem Thema Digitalisierung um? Wann kamen sie das erste mal damit in Kontakt? Diese Fragen und noch einige mehr besprechen wir heute in unserer Interviewreihe #migitaltalk.

Heute zu Gast: Holger Höhr, Geschäftsführer der HKBiS Handelskammer Hamburg Bildungs-Service gGmbH.

Für diejenigen unter uns die, die HKBiS nicht kennen, sagen Sie uns doch in wenigen Worten wer Sie sind und was Sie machen?

Gern, ich bin Geschäftsführer der HKBiS, dem Bildungs-Service der Handelskammer Hamburg. Wir bieten den Hamburger Unternehmen und deren Mitarbeitern hochwertige, praxisnahe und innovative Bildungsangebote zu marktgerechten Preisen. Unser Angebot umfasst grob drei Bereiche: Lehrgänge der Höheren Berufsbildung  (Fachwirte/ Fachkaufleute, Meister und Betriebswirte), IHK-Zertifikatslehrgänge und Seminare. Ein Schwerpunkt der Arbeit 2017 und für die weitere Zukunft ist die Begleitung von KMU bei der Digitalisierung.

Digitalisierung bedeutet für Sie….

einen fortlaufenden Prozess, der uns über Jahre begleiten wird und der im Wesentlichen aus den zwei Komponenten „Automatisierung“ und „Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle“ besteht. Digitalisierung steht für mich in unmittelbarem Zusammenhang zu Industrie 4.0, aber auch zu Führung 4.0. Es werden von den Unternehmen in unglaublich kurzer Zeit massive Veränderungen zu bewältigen sein – daraus leitet sich für uns ein großer Schulungsbedarf ab.

Wie schätzen Sie den aktuellen Stand der Digitalisierung im Mittelstand ein?

Ganz unterschiedlich: Es gibt die Digitalisierungsaffinen, die sehr innovativ ihre Geschäftsmodelle und einzelne Prozesse umgestalten – aber auch diejenigen, die lieber am Altbewährten festhalten und hoffen, dass der Kelch schon irgendwie an ihnen vorübergehen wird. Aber selbst Letztgenannte beschlich sicher schon mehr als einmal das Gefühl, dass eigentlich Handlungsbedarf bestünde. Hier wollen wir gerade den kleinen und mittleren Unternehmen helfend zur Seite stehen.

Wann kamen Sie mit dem Thema Digitalisierung das erste Mal in Kontakt?

Es war um die Jahrtausendwende, als der erste E-Learning-Hype ausbrach. Auch wir saßen damals der Idee auf, dass in kürzester Zeit E-Learning das Präsenzlernen zu großen Teilen verdrängen würde. Es ist anders gekommen. Heute wissen wir, dass zwar manches Fachwissen durchaus online vermittelt werden kann. Über das Wohl und Wehe im Unternehmen entscheidet letztlich aber, wie gut und effektiv Teams kommunizieren und funktionieren. Und dabei leistet Präsenzunterricht einen unverzichtbaren und eher wachsenden Beitrag.

Nicht mehr wegzudenken ist jedoch die Digitalisierung aus dem ganzen „Drumherum“ der Weiterbildung: Wie finde ich den passenden Kurs? Wie melde ich mich an? Woher bekomme ich meinen Unterlagen? Wie sieht der Zeitplan aus? Diese und viele andere Fragen stellen Kunden und wollen Sie online auf Ihrem Smartphone oder Tablet beantwortet haben. Da braucht es schon eine leistungsfähige Website und eine funktionierende WLAN-Infrastuktur am Standort.

Was sind die größten Hürden/Herausforderungen aus Ihrer Sicht?

Wir müssen Inhalt und Technik matchen. Bildungsleute sind per se erst mal keine Digitalisierungs-Profis mit Web- und Computer-Know-how. Und Web-Profis verstehen oft nichts von Weiterbildung. Dieses Dilemma gilt übrigens beinahe für jede Branche.

Es gibt aus meiner Sicht zwei entscheidende Faktoren für einen erfolgreichen Digitalisierungsprozess. Wir müssen zum einen im Unternehmen Mitarbeiter entwickeln, die hinsichtlich PCs und Web zumindest über ein gepflegtes Halbwissen verfügen. Denn sie sind der Transmissionsriemen, um die Kraft, die digitalisierte Prozesse entfalten können, auf die Unternehmensstraße zu bringen. Und wir müssen uns im Top-Management mit der Thematik intensivst beschäftigen und Vorbilder sein. Wenn unser eigenes Büro von Ordnern überquillt, werden wir eine Digitalisierungsstrategie im Unternehmen nicht glaubwürdig durchsetzen können.

Wo sehen Sie Chancen und Möglichkeiten für den Mittelstand die Digitalisierung für sich zu nutzen?

Der Mittelstand ist nah am Kunden. Integrierten Lösungen gehört die Zukunft, und wo große Unternehmen vielleicht den Aufwand scheuen, auf den Kunden zugeschnittene Einzellösungen zu entwickeln, kann der Mittelstand punkten.

Denken Sie, dass der Mittelstand genügend Unterstützung bei der Digitalisierung bekommt?

Unterstützung ist sinnvoll, wenn sie eigene Anstrengungen des Unternehmens flankiert.  Der Mittelstand als Motor der deutschen Wirtschaft darf nicht ins Stottern kommen. Mit dem Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Hamburg unterstützt unsere Handelskammer mittelständische Unternehmen mit kostenlosen Informationen und begleitet sie im Umfeld von Industrie 4.0 und Digitalisierungsthemen.

Wie unterstützen Sie den Mittelstand als Bildungsanbieter in diesem Themenbereich?

Zum einen vermitteln wir Methoden, die im Umfeld der Digitalisierung unverzichtbar sind, wie beispielsweise agiles Projektmanagement oder Design Thinking. Zum anderen gehen wir auch an den Kern an sich und qualifizieren zum Digital Transformation Manager, der dann im Unternehmen die Fäden in allen Digitalisierungsfragen zusammenhalten soll.

Inwiefern haben Sie die Erfahrung gemacht, dass der Mittelstand aus eigener Kraft die Digitalisierung anstrebt?

Das Bild ist bunt und insbesondere nach Branchen uneinheitlich. Inzwischen ist die Erkenntnis aber fast überall eingetreten, dass Aussitzen keine Option ist.

Wie steht es eigentlich um die Digitalisierung der Handelskammern in Deutschland oder explizit in Ihrer eigenen Organisation?

Auch wir unternehmen große Anstrengungen und haben weitreichende Ziele. Unser Weiterbildungsunternehmen ist mit seiner kürzlich relaunchten Website in Verbindung mit vielen digitalisierten Prozessen aus meiner Sicht sehr gut aufgestellt. Es gilt bei uns der Grundsatz, dass alles, was ein Computer tun kann, auch vom Computer getan wird. So bleibt den Mitarbeitern mehr Zeit für individuelle Beratung und Kommunikation mit Kunden und Interessenten. Beispielsweise haben wir dieses Jahr erstmals die komplette Seminarterminplanung automatisiert durchgeführt.

Wo sehen Sie das Thema Digitalisierung im Mittelstand in 3-5 Jahren?

Das Tempo wird eher zunehmen, und wir werden allesamt nicht davon sprechen können, dass uns diesbezüglich langweilig wird. Insbesondere die künstliche Intelligenz wird immense Fortschritte machen und somit neue digitalisierte Prozesse ermöglichen, die bislang undenkbar waren. Aber deswegen ist es auch so wichtig, sich spätestens jetzt auf den Weg zu machen!

Mittelstand und Digitalisierung gehört zusammen, weil…

…agiles Projektmanagement und Design Thinking dort schon immer zuhause waren. Man hat es nur anders genannt!

P.S.: An der HKBiS gibt es seit kurzer Zeit einen speziellen Kurs, der sich nur mit dem Thema Digitalisierung auseinander setzt. Wer nun mehr zu dem Thema erfahren möchte und sich fit für die Digitalisierung machen will, der hat mit dem Digital Transformation Manager (IHK) die Möglichkeit dazu.

 

Holger Höhr ist Geschäftsführer der HKBiS.